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Auf Gotthelf's Spuren...

Chorausflug vom 15. Juni 2008

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Punkt 5.55 Uhr Abfahrt auf dem Dorfplatz – deutet dies auf einen „Schnapsausflug“ hin? Und was bedeutet das auf der Einladung vermerkte „Auf Gotthelf’s Spuren“? Lassen wir uns überraschen!

Wir fahren ins Herz des Emmentals – soviel war uns klar. Yvonne Reichmuth organisierte für uns diesen Ausflug. Auf der Fahrt über Luzern – Huttwil – Sumiswald nach Signau erzählte sie uns, weshalb das Emmental für sie die Bedeutung einer zweiten Heimat erlangte. Ihre Mutter stammt aus dem Emmental, in ihrer Kinder- und Jugendzeit verbrachte Yvonne einen grossen Teil ihrer Ferien auf dem grosselterlichen Bauernhof – hier durfte sie alles, was sie zu Hause nicht durfte und nun mal jedes (Kinder)Herz erfreut: Aus ihren Erzählungen durften wir herausspüren, wie viel ihr das Umherstreifen im Wald, der Umgang mit den Tieren, mit Ross und Wagen die Milch in die Käserei zu führen, die gemeinsame Bewältigung des strengen bäuerlichen Alltages, für’s Leben mitgegeben hat – und heute noch mitgibt.

Diese von Yvonne verbreitete Frohstimmung konnten wir aufnehmen, Petra und Wädi nahmen ihre Gitarre zur Hand, und schon ertönten die ersten Lieder: „Det äne am Bärgli.... – Singen macht bekanntlich die Herzen froh, und dies sogar schon am Sonntagmorgen vor 8 Uhr. Während der einzelnen Lieder hatten wir genügend Musse, die Landschaft des Emmentals in uns aufzunehmen: Hügel, Täler, Wälder, freistehende wuchtige Linden auf den Kreten, die Häuser mit riesigen Vordächern – alles typische Merkmale des Emmentals. Spuren am Wegrand verrieten die gestrige Rundfahrt des Tour de Suisse Trosses: Muskelkraft und Hektik, vereint mit der Beschaulichkeit des Emmentals. Das Chuderhüsi auf 1103 m.ü.M., nur 5 km von Steinen i.E. entfernt, Bergpreis für die Tour de Suisse Fahrer, für uns ein schöner Aussichtspunkt. Mit einem 15-minütigen Fussmarsch könnte gar ein Aussichtsturm bestiegen werden – ein Geheimtipp für den nächsten Besuch.

Kirchlein Würzbrunnen: Die Überraschungen beginnen

In Würzbrunnen gab’s den Kaffee- und Gipfelihalt. Der Gemeindepräsident von Röthenbach, zu der Würzbrunnen gehört, erzählte uns aus der Geschichte und stellte uns auch die Kapelle vor. Berühmt wurde sie vor allem als Handlungsort im Film „Ueli der Knecht“. Zu unserer Überraschung bekamen wir das Notenheft in die Hand gedrückt, wir durften den Gottesdienst mit unserem Gesang verschönern. Der Pfarrer, im Frühjahr als Pilger über 1000 Kilometer zu Fuss auf dem Jakobsweg unterwegs, gab uns und allen Gottesdienstbesuchern seinen Leitsatz mit auf den Weg: „Immer wieder vertrauen, es kommt alles gut!“.

Mit Ross und Wagen durchs Emmental

Wer kennt nicht die Filme „Ueli der Knecht“ und „Ueli der Pächter“ nach der Geschichte von Jeremias Gotthelf? Zu unserer nächsten Überraschung stiegen wir zur Weiterfahrt nicht wie erwartet in den Car, nein, 3 Pferdefuhrwerke warteten nach dem Gottesdienst, wie damals zu Gotthelfs Zeiten. Langsam entschwand das Kirchlein Würzbrunnen unseren Blicken, bei dem wir den gleichen Torbogen durchschreiten durften, den Ueli und Vreneli zur Trauung durchschritten hatten. Immer neue Perspektiven des Emmentals eröffneten sich unseren Blicken. Von diesem beschaulichen Fleckchen Erde liess sich der grosse Schriftsteller inspirieren, wir dürfen seinen Spuren folgen. Die Jüngsten vorne auf dem Kutscherbock, die Erwachsenen hinten auf dem Wagen in wärmende Wolldecken gekuschelt, genossen wir den Blick bis zum Hohgant; die hohe Wolkendecke verdeckte die Sicht auf das dahinterliegende Panorama der verschneiten Berner Hochalpen. Ein Zwischenhalt mitten im Wald – mit echtem Emmentaler Zopf aus der Küche von Yvonne’s Cousine und feinen Steiner-Käsekugeln wurden wir mit einem Apero verwöhnt. Dem Echo zufolge dürften Zopf und die von Regula Annen als Premiere hergestellten Käsekugeln mehr als gelungen bezeichnet werden. Über den Chapf erreichten wir Eggiwil, Kutscher und Bärenwirt entpuppten sich als ein- und dieselbe Peson, er und seine Mannschaft hatten seit Tagen den „Suure Mocke“ eingelegt und servierten uns diese Spezialität mit feinen Beilagen. Wir wurden aber nicht nur kulinarisch, sondern auch musikalisch verwöhnt. Marianne Kempfer aus Dürrenroth mit ihrem Töchterchen und 2 weiteren Kindern trugen uns ihre Jodellieder vor - heute im Bären Eggiwil ausschliesslich für den Kirchenchor Steinen, in ein paar Tagen im KKL Luzern für ein breites Publikum.

Besuch im Sahlenweidli

„Auf Gotthelfs Spuren“, so das Motto unseres Ausfluges - „Leben wie zu Gotthelfs Zeiten“, so die bekannte Fernsehserie. Was liegt da näher als ein Besuch im „Sahlenweidli“ – und trotzdem waren wir überrascht, dass uns der Car zu diesem Ziel brachte. Der Besitzer Hans Schenk, 1950 selbst im Sahlenweidli geboren, öffnete uns die Türen. Wir erfuhren von ihm, dass das Sahlenweidli früher einer Halbschwester Gotthelfs gehörte, bis 1997 noch dauernd bewohnt war, heute aber nebst Führungen interessierten Familien, Vereinen oder Gruppen die Möglichkeit bietet, das Haus zu mieten, um in einer grandiosen Landschaft wie zu Gotthelfs Zeiten zu leben. Kochen am Holzherd mit offenem Rauchabzug, das Wasser ausserhalb des Hauses holen, knarrende Treppen und Dielen, ein Plumpsklo – was unseren jüngsten Gästen als unwirklich vorkommen mag, ist der älteren Generation vielfach noch in eigener, selbst gelebter Erinnerung. So schnell vergeht die Zeit! Das Quartett mit Marianne Kempfer begeleitete uns auch ins Sahlenweidli, unsere im „Bären“ erklatschte Zugabe wäre wohl an keinem anderen Ort besser zur Geltung gekommen als hier im Sahlenweidli.

Lützelfluh – der Wirkungsort von Jeremias Gotthelf

Albert Ritzius, so der richtige Name von Jeremias Gotthelf, wurde 1797 in Murten geboren, er wirkte während 22 Jahren bis zu seinem Tod im Jahre 1854 in Lützelfluh als Pfarrer. Hier steht auch sein Denkmal, hier ruht er im Grab. Wir folgten auch dieser Spur und besuchten beide Stätten.

5.55 – ein „Schnapsausflug“?

Die eingangs gestellte Frage beantwortete sich im Verlaufe des Tages von selbst. 5.55 hat nichts mit einem „Schnapsausflug“ zu tun, sondern ist der Beginn eines bis ins letzte Detail perfekt geplanten, vielfältigen und überraschungsreichen Ausfluges. Selbst der Ort des Nachtessens bot nochmals eine Überraschung: Im Landgasthof Bahnhof in Häusermoos wird nicht nur gewirtet, in einer stilvoll angelegten Anlage werden auch japanische Koi-Fische gezüchtet, farbenprächtige Fische aus der Familie der Karpfen. So durften wir zum Abschluss noch die Erfahrung machen, dass das Emmental nicht nur seine Urtümlichkeiten und Traditionen pflegt, sondern sich auch weltoffen an Neues heranwagt, die Vergangenheit schätzt und bewahrt, und trotzdem die Zukunft aufbaut. Nach diesem erlebnisreichen Tag bin ich überzeugt: Sollte wieder einmal eine Tour de Suisse – Etappe mit dem Bergpreis „Chuderhüsi“ ums Emmental führen, werden viele von uns auch vor dem Fernseher sitzen und Gedanken und Bilder unseres Ausfluges in uns aufleben lassen. Und wird das Schweizer Fernsehen wieder einmal „Ueli der Knecht“ oder „Ueli der Pächter“ ausstrahlen, werden wir nicht nur die Gegenden des Emmental und das Kirchli Würzbrunnen, sondern auch den Ueli, sein Vreneli, d’Glungge-Büüri, den Joggeli und alle anderen Charakterien mit anderen Augen betrachten. Yvonne, Du hast uns das Emmental und seine Eigenheiten eindrücklich näher gebracht, herzlichen Dank.

 

Albert Beeler, Aktuar

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